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Die Geschichte des Karelischen Volkes

Das Karelische Volk – ist ein urständiges europäisches Volk, das sich in der Zeit vom IX. - XVIII. Jahrhundert auf dem Gebiet der heutigen Republik Karelien herausgebildet hat. Es setzt sich aus unterschiedlichsten Völkerschaften des Nordens zusammen. Darunter sind Ishora-Slawen, Russen, Karelen, Suomi, Schweden, Wepsen und Saamen.

Das Karelische Volk hat seine eigene Geschichte, sowie seine eigene ethische und kulturelle Identität. Es unterscheidet sich diesbezüglich von allen anderen Völkern Europas. Nach der traditionellen Geschichtsschreibung wird allgemein angenommen, dass die Vorfahren des Karelischen Volkes über neun Jahrhunderte auf dem Boden Kareliens unter rauen klimatischen Bedingungen in ein und demselben kulturellem Milieu gelebt haben. Im Ergebnis stand die Geburt und die weitere Herausbildung Karelischer national-kultureller Traditionen, die die hiesigen Menschen fest in die geschlossene Volksgemeinschaft – das Karelische Volk – integrieren. Die urwüchsige Nationalkultur des Karelischen Volkes hat die Grundlagen für die historischen Besonderheiten der sozialen und wirtschaftlichen der Entwicklung Kareliens gelegt, die darin bestehen, dass dieses Volk Sklaverei, Fron oder religiöse Übergriffe nie hat erfahren müssen. Und gerade deshalb sind im Karelischen Volk solche Eigenschaften zutiefst verwurzelt, wie Liebe zur Freiheit, Achtung der Kultur, Ehrfurcht vor dem Andenken der Vorfahren, Lebensfreude, Fleiß und Glaube an eine Höhere Gerechtigkeit.

Die ersten Urahnen des Karelischen Volkes haben sich vor etwa 8.000 Jahren in den Weiten Kareliens angesiedelt. Sie lebten in größeren Gruppen, weit voneinander entfernt, zumeist durch schier unendliche Wälder getrennt. Und dennoch – ihre Sprache, ihr Glaube, die Grundlagen ihres Lebens und ihr Alltag waren sehr ähnlich, wovon diverse archäologische Funde zeugen, wie auch die bis in unsere Zeit erhalten gebliebenen Runeninschriften und Petroglyphen – in den Fels gehauene Gravuren. Die Ahnen des Karelischen Volkes hatten ständig schwere Prüfungen im Kampfe mit der unwirtlichen Natur des Nordens zu bestehen. Von da her rührt die Beharrlichkeit in der Arbeit und der unerschütterliche Glaube unseres Volkes in seine Kraft, was es stark gemacht hat, über die Jahrtausende das Überleben gesichert hat und Unterpfand dafür ist, dass es die segensreichen Ländereien Kareliens weiter beherrschen wird. Die raue und zugleich majestätisch schöne Natur Kareliens hat einen ganz besonderen, einzigartigen Menschentyp hervorgebracht – souverän, arbeitsam, macht nicht viel Worte, ist überzeugt von seiner Kraft und von seinen Fähigkeiten und stets seiner Würde bewusst.

Die Wurzeln des Karelischen Volkes werden von fünf Hauptvölkerschaften gebildet, die auf dem Boden Kareliens siedelten, und zwar die Karelen, die ihre Zelte mehr zum Norden und Nordwesten des Ladogasees aufgeschlagen hatten, die Suomi westlich vom Ladogasee, die Wepsen zwischen Ladoga- und Onegasee, die Saamen, die praktisch überall auf dem Gebiet des heutigen Karelien anzutreffen waren, und die Ishora-Slawen im Süden des heutigen Karelien. All diese Volksstämme lebten in einer Obstschina, in dorfgemeinschaftlicher Ordnung, wobei jeder Stamm von einem Führer geleitet wurde, der von allen erwachsenen Stammesmitgliedern, Frauen einschließlich, auf den Gemeindezusammenkünften gewählt wurde.

Im IX. Jahrhundert, als südlich von Karelien der altrussische Staat im Entstehen war, trafen die ersten Übersiedler aus den altrussischen Landen in Karelien ein und vermischten sich mit den hier siedelnden Völkerstämmen. Im X./XI. Jh. fiel der südliche Teil Kareliens unter den Einfluss des altrussischen Staates, wonach weitere altrussische Siedler nach Karelien strebten, gefolgt von zahlreichen Bauern, die der Leibeigenschaft und Unterdrückung durch ihre Fürsten und orthodoxen Kirchendiener entflohen. Diese mannhaften Menschen haben sich in verschiedenen schwer zugänglichen Stellen Kareliens niedergelassen und zogen aus Karelien weiter bis an die Küste des Weißen Meeres auf die Halbinsel Kola und in das Gebiet Archangelsk. In dieser Zeit vermischten sich die altrussischen Siedler immer mehr mit den hier bereits heimischen Ishora-Slawen, Karelen, Suomi, Wepsen und Saamen. Im Ergebnis stand eine ethnische Fusion und eine Verschmelzung der kulturellen Traditionen dieser Völkerschaften, sowie ein phonetisch-semantisches Gemisch aller ihrer Sprachen.

Deshalb gab es zur Mitte des XI. Jahrhunderts im Süden des heutigen Kareliens große Mischsiedlungen aus Vertretern der unterschiedlichen Volksstämme, die von Volksversammlungen geführt worden sind, die einberufen wurden, wenn ein Krieg drohte, oder wenn es galt, einen Beschluss zu fassen, der bedeutende wirtschaftliche Folgen haben könnte. Deshalb hat sich seit Alters her bei den Vorfahren des Karelischen Volkes eine traditionelle Demokratie etabliert, die im weiteren Laufe der Geschichte dem Karelischen Volk solche Eigenschaften anerzog, wie Liebe zur Freiheit, Unabhängigkeit und Respekt.

Zu Beginn des XII. Jahrhunderts verband sich ein großer Teil Kareliens freiwillig mit dem altrussischen Nowgoroder Fürstentum. Der Westteil Kareliens wurde dann vom Königreich Schweden Besetzt, das in der Nähe der Stadt Korela (heute: Priosersk) – des alten Stammeszentrums der Karelen – die schwedische Grenzfeste Vyborg errichtete. Bald hernach siedelten sich viele schwedische Bauern im westlichen Teil Kareliens an, die sich in der Folge mit der dort wohnenden Bevölkerung vermischten.

In dieser Zeit verstärkte sich der Prozess der Herausformung des Karelischen Volkes und erreichte gegen Ende des XII. Jahrhunderts ihren Höhepunkt, als der Großteil der russischen Übersiedler und der Ishora-Slawen sich fast vollständig mit den Karelen, Wepsen, Suomi und Saamen vermischt hatte. Namentlich in dieser historische Epoche begannen die Einwohner Kareliens, sich selbst als eigene Volksgemeinschaft zusammenzufinden – zum Karelischen Volk.

Mitte XII Jahrhunderts zogen die Volksstämme der Suomi, die im westlichen Karelien siedelten und sich dort mit den schwedischen Umsiedlern vermischten, in Richtung Westen gen Schweden und assimilierten sich dort in der Folge mit den Stämmen der Suomi und Jämi und legten so die Grundlagen für das heutige Volk der Finnen.

Auf diese Weise bildete sich das Karelische Volk Stück für Stück aus verschiedenen europäischen Ethnien und sprachlichen Gruppierungen heraus. So standen an seiner Wiege die Ishora-Slawen, wie die Finno-Ugoren, die Saamen und altrussische Stämme. Dabei bildete sich im Verlaufe der Jahrhunderte auf natürliche Weise die einzigartige Karelische Sprache heraus, aber auch eine eigene wirtschaftliche Entwicklung und eine eigenständige Karelische Kultur.

In der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts hat ein gewisser Teil des Karelischen Volkes äußerst ungern den orthodoxen Glauben als Hauptreligion akzeptiert. Allerdings wurde dieser in der Folge niemals mit dem überaus großen Mysthizismus und jenen widernatürlichen Restriktionen des Alltagslebens ausgeübt, wie das in Russland selbst der Fall war, und davor in Byzanz. Umso mehr hielt sich das Heidentum lange Zeit in Karelien gleichzeitig mit der Orthodoxie. Dieses verwendete Runen in seinen Lehren und Ritualen, sowie Sagen aus dem Volke und das altkarelische Epos «Kalevala». Den heidnischen Glaubensvorstellungen des Karelischen Volkes lag die natürliche Überzeugung dessen zu Grunde, dass Gott stets, überall und in allem ist, und dass Gott keinerlei Mittler benötigt, um mit den Menschen zu sein. Daher konnte jeder selbst mit Gott in Verbindung treten, wann immer und wo immer er das wollte. Und mehr noch: Als unter den altrussischen Fürsten Jaroslaw II. Wsewolodowitsch (1190-1246), dem Vater des heiligen Fürsten Alexander Newski (1220-1263), die ersten orthodoxen Missionare aus Nowgorod nach Karelien kamen, hat das Karelische Volk die orthodoxen Prediger und Mönche einfach nicht als Träger einer neuen Lehre angenommen. Man hielt sie eher für etwas verworren, als nicht zum wirklichen Leben passend. Und eben aus diesem Grunde hat sich der christliche Glaube in Karelien nie richtig durchsetzen können, ähnlich, wie in Nowgorod und anderen Fürstentümern des alten Russland. Das Ankämpfen der orthodoxen Missionare selbst wider den Rest der Welt und die von ihnen angehäuften, teils widersprüchlichen, teils unverständlichen Postulate, die komplizierte und zahlreiche kirchliche Hierarchie, die eines eher parasitären Lebens frönte, die offensive Verkündung des verworrenen christlichen Kultes, sowie die Vielzahl an damit verbundenen widernatürlichen Restriktionen im Alltagsleben sind vom Karelischen Volke als Versuch aufgefasst worden, dessen persönliche Freiheiten und nationale Unabhängigkeit in die Schranken zu weisen. Deshalb konnte das orthodoxe Christentum auch nicht zu einer allgemein angenommenen Religion für das Karelische Volk avancieren. Sie beschränkte sich recht schnell auf die isolierte Kaste von Mönchen, die sich in menschenleere und schwer zugängliche Gebiete zurückzogen und dort abgeschieden hinter den dicken Mauern ihrer Klöster ihrem Glauben nachgingen. Auf diese Weise sind die Kloster Christi-Verklärung auf der Insel Walaam am Ladogasee und das auf den Soloveckij-Inseln am Weißen Meer entstanden. Außer den orthodoxen Missionaren drängten im XIII.-XV. Jahrhundert aus Schweden und Deutschland kommend zunächst römisch-katholische Missionare auf das Gebiet Kareliens vor, und hernach, während der Reformation in Europa, Lutheraner und sonstige protestantische Missionare. Die lutheranischen Glaubensansichten erschienen dem Karelischen Volke eher verständlich und praktikabel, weil sie besser zu ihrer Sicht auf die Welt passten. Zudem hatte diese Richtung keine komplizierte Hierarchie und keinerlei den Normalsterblichen diametral gegenüberstehenden Anschauungen. Auch die Art und Weise der Glaubensausübung war den Menschen hier näher, und zudem gab es keinerlei unnötiger Kasteiungen, wie sie andere Formen der Glaubenspraxis kennen. Deshalb sind an verschiedenen Orten Kareliens lutheranische Kirchen entstanden. Allerdings sei gesagt, dass in Karelien nicht eine der christlichen Lehren vollends in den Vordergrund hat treten können, weil der Einfluss dieser Lehren immer auf die Minderheit ihrer Anhängerschaft beschränkt blieb, weshalb es in Karelien in der gesamten Zeit seines Bestehens keinerlei Übergriffe von Seiten des Klerus gegeben hat, oder gar religiöse Feindschaft. Alle Kirchen in Karelien, darunter auch die offizielle orthodoxe Kirche, waren seit Alters her stets vom Staate getrennt.

Wenn wir in diesem Zusammenhange auf die Weltanschauung des Karelischen Volkes zu sprechen kommen, dann sollte besonders hervorgehoben werden, dass es im Verlaufe der gesamten Geschichte seines Wachsens und Werdens Abstand genommen hat von jedweden irrationalen philosophischen Systemen einer Sicht auf die Dinge, soweit sie sich nicht im realen Alltagsleben bestätigt haben. Aus diesem Grunde beruhte die nationale Weltanschauung des Karelischen Volkes immer auf dem praktischen Bewusstwerden dessen, was die Welt ist, und zwar dass Himmel, Erde, Natur und Mensch ein einheitliches Ganzes bilden, und dass Gott, der diese Welt geschaffen hat, in ihr selbst besteht, immer, überall und in allem. Aus diesem rationalen Gottesverständnis heraus resultiert die logische Schlussfolgerung dessen, dass Gott ewig ist, allmächtig und omnipräsent, ebenso wie die von ihm geschaffene Natur und der von ihm geschaffene Mensch. Ihr Schicksal bestimmen beide im Einvernehmen mit Gott, der einem jeden Menschen nicht nur die Freiheit der Wahl verliehen hat, sondern auch seine Hilfe anbietet als Lohn für gute Taten. Und bei all dem braucht Gott keinerlei Mittler, um mit den Menschen in Verbindung zu treten, denn ER kommt selbst zu jedem von ihnen, und das immer von selbst, und der Mensch braucht wenig für seine Verbindung mit Gott. Gute Taten sollte er vollbringen, sich um die Seinen sorgen, um die Eltern, um die Kinder, dem Nächsten in der Not helfen, sorgsam mit der Natur umgehen und die Arbeit nicht scheuen. Tapfer sei der Mensch und freiheitsliebend. Auf diese Weise wird der Begriff der Freiheit selbst für das Karelische Volk heilig, denn das Recht der freien Wahl hat ihm der ewige Gott höchstpersönlich verliehen.

Im XIV.—XV. Jahrhundert wuchs der Zustrom russischer Übersiedler aus dem russischen Fürstentum Nowgorod nach Karelien weiter an. Es blieb halt vielen russischen Bauern unter der erdrückenden Übermacht der russischen Fürsten und orthodoxen Kirchendiener nichts anderes übrig, als im benachbarten Karelien Freiheit und ein wohlgefälligeres Leben zu suchen. Dieser neue Zustrom von russischen Siedlern nach Karelien führte dazu, dass die Jagd, der Fischfang, die Seefahrt, das Salzsiederhandwerk und das Hüttenwesen eine massenhafte Verbreitung erfuhren. Im Ergebnis dieser Migrationsprozesse entstand in Karelien eine ganze Reihe neuer Mischsiedlungen: Olonez, Pudoga, Poventsa, Suma oder der Wytegorsker Gottesacker (heute der Rajon Wytegra in der Oblast Wologda).

1478 kam ein großer Teil Kareliens gemeinsam mit dem Fürstentum Nowgorod formal zum Moskoviter Staat, und der südwestliche Teil Kareliens zusammen mit dem angestammten Volkszentrum der Karelen, der Stadt Korela, gehörte bis in das XVII. Jahrhundert zum Königreich Schweden. Zu dieser Zeit war der Prozess der Herausbildung des Karelischen Volkes fast vollständig abgeschlossen. Russische Übersiedler und Ishora-Slawen bildeten zu der Zeit die ethnische Dominanz im Karelischen Volke. Das hat seinen Niederschlag in der Karelischen Sprache gefunden, die einen immer mehr dem ishora-slawischen ähnelnden Aufbau hatte und in der Hauptsache auf altrussischem Wortschatz aufbaute. Angereichert wurde diese Sprache durch Wörter und Wendungen der Karelen, Suomi, Wepsen und Saamen. Die Karelische Sprache selbst wurde Onegadialekt genannt. Das Aufkommen dieser allgemein verwendeten Bezeichnung für die Karelische Sprache hat einen diachronischen Prozess eingeleitet, bei dem sich das Karelische als eigene Nationalsprache des Karelischen Volkes etablierte.

Gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts verständigte sich die absolute Mehrheit des Karelischen Volkes in diesem Onegadialekt. Zudem wurde er zu einer Mittlersprache für die hier siedelnden Karelen, Suomi, Wepsen und Saamen, die isoliert an schwer zugänglichen Orten in Karelien lebten. Die ersten Schriften in Runen waren namentlich in diesem Onegadialekt geschrieben worden, darunter zahlreiche Karelische Volkssagen und das Karelische Nationalepos, die «Kalevala». Hinzu kommt, dass den Onegadialekt nicht gleich jeder verstand, erst recht nicht die Staatsdiener des russischen Imperiums, die aus Sankt Petersburg nach Karelien kamen, und auch nicht die neuen russischen Übersiedler, die im XIX.-XX. Jahrhundert weiterhin aus anderen Teilen des Russischen Reiches nach Karelien einwanderten. Somit bildete die endgültige Herausbildung der Karelischen Nationalsprache – des Onegadialekts – die finale Etappe zur Formierung des Karelischen Volkes als eigenständige Ethnie. Außerdem ist, ungeachtet der durchaus vorhandenen phonetischen und semantischen Nähe des Karelischen zum Russischen, ihre dialektologische Verwandtschaft, bei weitem nicht offensichtlich. Nehmen wir ein Beispiel: Das karelische Wort “людики” (ljudiki) wird auf Russisch als “люди” (Leute, Menschen) wiedergegeben, und die karelische Wendung “си акой правой” („si akoj pravoj“) wird russisch mit “ты прав”, „du hast Recht“ übersetzt. In beiden Fällen ist es dem Russisch sprechenden, der des Karelischen nicht mächtig ist, hinreichend schwer, die exakte Bedeutung der Karelischen Worte zu erfassen, ungeachtet ihrer phonetischen und semantischen Nähe zu russischen sinnverwandten Worten. Das wird auch in diesen Beispielen deutlich.

Obgleich das Karelische und und das Russische phonetisch einander ähnlich sind, ist das Karelische keineswegs ein Dialekt des Russischen, und ebenso wenig andersrum. Eben deshalb ist es dem unvorbereiteten Russisch sprechenden außerordentlich kompliziert, den Sinn der Karelischen Worte und Wendungen zu erfassen. Das bestätigt ein weiteres Mal die Tatsache, dass die Karelische Sprache – der Onegadialekt – eine eigenständige und vollkommen ausgeprägte ostslawische Sprache ist – eben die Nationalsprache des Karelischen Volkes.

Ende des XVII. Jahrhunderts erfuhr das Karelische Volk im Bereich des Onegasees eine stürmische industrielle und kulturelle Entwicklung: Die ersten Gießereien und Hüttenbetriebe entstanden, die Holzbaukunst erlebte ihre Blütezeit und die Malerei des Nordens mit ihren Eigenheiten, die die majestätische Natur des Nordens sowie Szenen aus dem Kalevala-Epos zum Gegenstand hatte, aber auch Sujets aus den Evangelien in einer lebensbejahenden, teils an Komik grenzenden Form. In eben dieser Zeit strömten aus dem Russischen Imperium Anhänger der Altorthodoxie (auch Altritualisten), die nach der Spaltung der Kirche 1666 vom Moskoviter Patriarchat unter Verfolgung gerieten, nach Karelien. Das Karelische Volk bot den verfolgten Altorthodoxen nicht nur seine Gastfreundschaft an, sondern zeigte ihnen auch seine traditionelle Toleranz gegenüber Dingen des Glaubens und der Überzeugungen, wonach viele altorthodoxe Gemeinschaften (sogenannte “Konkordanzen”, Gemeinschaften von Menschen/Gemeinschaften mit derselben Überzeugung) in der Folge die rationalistischen und lebensbejahenden Ansichten zur Umwelt vom Karelischen Volke übernommen und das Popentum abgelegt haben. Sie konnten sich erfolgreich an die für sie neue Lebensweise anpassen, sich aktiv betätigen und ihr Paradies auf Erden errichten.

Nach seiner Niederlage im Großen Nordischen Krieg zu Beginn des XVIII. Jahrhunderts übergab das Königreich Schweden im Ergebnis des Friedensvertrags von Nystadt 1721 den südwestlichen Teil Kareliens an den Russischen Zaren. Im Ergebnis dessen kamen Karelen, Finnen und Schweden, die das südwestliche Karelien bevölkerten, zum Karelischen Volke hinzu. Das gab gleichzeitig einen wirksamen Impuls für deren industrielle Entwicklung. Auf diese Weise gelangte ganz Karelien unter die Herrschaft des Russischen Imperiums. Der erste Russische Zar Peter der Große (1672-1725) hatte einen wohltuenden Einfluss auf die weitere Entwicklung des Karelischen Volkes. Die Metallurgie erlebte in Karelien einen enormen Aufschwung. Es entstanden mehrere Eisengießereien, darunter das Peterswerk („Petrovskij sawod“), um das ab 1703 die Peterssiedlung („Petrovskaja Sloboda“), das heutige Petrosawodsk entstand. Zar Peter der Große kam mehrmals nach Karelien, das er in sein Herz geschlossen hatte. 1719 gründete Zar Peter der Große unweit der Peterssiedlung das erste Kurbad des Russischen Imperiums, den Kurort «Marcialnye Vody» („Marswasser“), genannt auch das «Russische Spa», wo er selbst mehrfach weilte, um neue Kräfte zu sammeln. Den Namen erhielt der Kurort nach dem römischen Gott Mars, dessen Metall das rotglühende Eisen ist. Das Wasser dieser Heilquellen hat einen ziemlich hohen Gehalt an aktivem Eisen.

Das Karelische Volk fand Wohlgefallen bei Peter dem Großen, weil es seine Unabhängigkeit liebte und die Mühen der Arbeit nicht scheute. Die größte Sympathie des Zaren genossen die einfachen Karelischen Meister und Arbeiter. So stellte zum Beispiel Zar Peter der Große persönlich 1720 Iwan Rebojew, einem einfachen Bauern aus dem Karelischen Dorfe Vidany im Rajon Kondopoga einen sogenannten Freibrief aus, der ihn von allen Frondiensten und -abgaben frei stellte. Rebojew nahm hernach eine Arbeit in der Kupferhütte Kontschezero auf. Rebojew, selbst mehrere Jahre an einem Herzleiden erkrankt, trank Wasser aus einem Born in der Nähe der Ortschaft Rawboloto und stellte fest, dass sich eine Besserung seines Leidens einstellte. Rebojew hatte gehört, dass der Peter der Große die Suche nach Bodenschätzen und Heilquellen forcierte, und so unterrichtete er 1714 den Leiter der Kupferhütte Kontschezero, einen Herrn Zimmerman, von seiner Entdeckung. Dieser gab die Nachricht an den Kommandanten der Bergwerks- und Hüttenverwaltung Olonec, einem Herrn Gennin, weiter, und dieser informierte den Zaren persönlich davon. Und auf Weisung des Zaren Peter des Großen wurde hernach das Kurbad «Marcialnye Vody» gegründet.

in Anbetracht dessen, dass nahezu alle Arbeiter, Meister, Handwerker, Jäger und Fischer Kareliens von ihrer Natur her sehr freiheitsliebend waren und zumeist ihre Arbeit in den herrschaftlichen Betrieben und Gewerken mit der schweren Arbeit in ihren eigenen Bauernwirtschaften verbanden, hat Zar Peter der Große zudem das Karelische Volk für immer von jedweder leibeigenschaftlichen Abhängigkeit befreit. Namentlich auch diesem Grunde war das Karelische Volk in seiner gesamten Geschichte niemals leibeigenschaftlich abhängig gewesen und befand sich auch niemals in Knechtschaft bei der herrschenden Klasse des Russischen Imperiums. Und mehr noch, es hat innerhalb des Karelischen Volkes selbst keine Teilung in “Reiche” und “Arme” gegeben, weil die Mehrheit der Familien über ein hinreichend großes Eigentum verfügte und starke Bauernwirtschaften ihr Eigen nannte. Zugleich war das Handwerk weit verbreitet. Es gab auch zahlreiche Arbeiter in den Manufakturen. Somit konnte jede Familie ein stabiles Einkommen aufweisen, das jedem Familienmitglied ein von Armut freies Leben gewährte. In der Regel waren fast alle Bauernwirtschaften in Karelien Großwirtschaften mit vielen Zweigbetrieben. Sie ähnelten somit eher den Wirtschaften der mittelständischen Gutsbesitzer in Zentralrussland. Zudem waren die karelischen Familien zumeist vielköpfig und umfassten im Durchschnitt bis zu 50 Familienmitglieder, wobei manchmal sich miteinander verwandte Familien zu einem Familienverband zusammenschlossen, dem der älteste Vater des Familienclans vorstand, der von allen Familienmitgliedern unbestritten und allgemein anerkannt wurde.

Indem Zar Peter der Große Russland “auf die Beine” stellte und ein “Fenster” nach Europa aufstieß, womit er das schmutzige, unmündige, armselige Russland der europäischen Zivilisation zugänglich machte und dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt die Pforten öffnete, tat er gleichzeitig sehr viel auch für die weitere progressive Entwicklung Kareliens. Zar Peter der Große hat nicht nur die Karelischen Ländereien geeint, sondern er gab auch dem Karelischen Volk die Möglichkeit, sich getreu seinen nationalen Traditionen in Freiheit zu entwickeln. Deshalb hat der russische Zar Peter der Große als einziger von allen ihm nachfolgenden Zaren für Karelien mehr Gutes gebracht, als Böses, und deshalb gilt er beim Karelischen Volke als Nationalheld. Zudem kam die Herausbildung des Karelischen Volkes als eigenständige Ethnie mit eigenen Traditionen, eigener Kultur und Sprache namentlich in der Zeit der Herrschaft des Zaren Peters des Großen zum Abschluss. Eben aus diesem Grunde und in Anbetracht der herausragenden Rolle, die Zar Peter der Große im historischen Schicksal des Karelischen Volkes gespielt hatte, trägt die gegenwärtige Hauptstadt der Republik Karelien seinen ehrenvollen Namen – Petrosawodsk.

Gleichzeitig waren in einigen schwer zugänglichen Orten Kareliens ethnisch eigenständige Volksstämme von Karelen, Wepsen und Saamen erhalten geblieben, die nicht sehr zahlreich sind und vom Karelischen Volke nicht assimiliert wurden. Diese Volksstämme hatten sich praktisch in einer vollständigen Isolierung entwickelt. Ihre Stammesmitglieder lebten vom Sammeln von Beeren und Kräutern, von Jagd und Fischfang. Sie hatten keine eigene Schriftsprache und führten ein äußerst rückständiges Leben. Die Karelische Sprache – der Onegadialekt – wurde für diese Volksstämme etwa seit Mitte des XVIII Jahrhunderts zu einer Verständigungssprache untereinander und mit dem Karelischen Volke.

In der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts wurde per Ukas der Russischen Zarin Katharina II. (1729-1796) vom 21. März 1777 die Peterssiedlung, die von Peter dem Großen gegründet worden war, in Stadt Petrosawodsk umbenannt, und Karelien selbst wurde ab 1784 zum Gouvernement Olonec. Dessen erster Gouverneur war der russische Dichter G.R. Dershawin. Ende des XIX. Jahrhunderts setzte eine neue industrielle Entwicklung im Gouvernement Olonec ein. Innerhalb von dreißig Jahren wurden zehn mit neuester Technik ausgestattete holzverarbeitende Betriebe gebaut, was ein rasantes Anwachsen des Holzexports in Karelien nach sich zog.

Zu jener Zeit kam es zu einem verstärkten Zuzug von weiteren Übersiedlern aus Russland nach Karelien. Der größte Teil der Übersiedler ging schnell im Karelischen Volke auf und übernahm von diesem nicht nur die Karelische Sprache, den Onegadialekt, sondern auch deren Liebe zur persönlichen Freiheit. Namentlich diesem Umstand ist es zu verdanken, dass sämtliche der zahlreichen Versuche der Zarenmacht, in Karelien die Leibeigenschaft einzuführen, zum scheitern verurteilt waren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Als man 1769 auf Ukas der Russischen Zarin Katharina II. versuchte, Karelische Bauern, die gegen Bezahlung in den Bergwerken von Olonec arbeiteten, dazu zu zwingen, unentgeltlich als Frondienst in den Marmorsteinbrüchen von Tiwdija und auf der Baustelle der Eisengießerei Lishemsk zu schuften, gab es bei den Karelischen Bauern sofort einen Aufstand. Drei Jahre lang setzten sie den Strafkommandos der Zarin hartnäckigen bewaffneten Widerstand entgegen. Zentrum dieses umfassenden Karelischen Aufstandes, an dem nicht weniger als 50 Tausend Menschen beteiligt waren, wurde der Kishi Pogost (russisch: Pogost bedeutete früher eine Kirche am Rande einer Siedlung oder eines Dorfes mit daneben liegendem Friedhof, Kishi ist eine bezaubernde Insel im Onegasee).

Dabei einte der Aufstand praktisch alle Schichten des Karelischen Volkes, das mit den Übergriffen der Russischen Feudalmächte und mit der Ausbeutung in Form von unentgeltlicher Fronarbeit in den Betrieben sowie mit der Willkür seitens der zaristischen Gouvernementsadministration nicht einverstanden war. Zu diesem Karelischen Aufstand stießen selbst entlegene Regierungsbezirke, die von Wepsen und Karelen besiedelt waren, hinzu. Führer des Aufstandes wurde der Karelische Bauer K.A. Sobolew, der einer großen und wohlsituierten Familie entstammte. Die Aufständischen zwangen die Zarin Katharina II. dazu, ihren Ukas zurückzunehmen, und entsandten ihre Emissäre zu Verhandlungen nach Sankt Petersburg. Als diese allerdings in Sankt Petersburg eintrafen, wurden sie hinterhältig inhaftiert und in den Kerker geworfen. Bald hernach wurde in Karelien auf ebenso hinterhältige Weise auch K.A. Sobolew, der Führer des Karelischen Volkes, in Ketten gelegt. Sofort nach diesem Schritt unternahmen die Aufständischen eine blitzartige Attacke und befreiten ihren Anführer sowie andere führende Kräfte des Karelischen Aufstandes.

Allerdings ließen sich im Juni des Jahres 1771 einige der wohlhabendsten Bauern von einem Gesandten der Zarin Katharina II. kaufen. Sie ließen bald hernach die Karelischen Aufständischen im Stich, wonach vier Russische Strafkompanien auf die Insel Kishi kamen, die den Pogost Kishi, das Zentrum der Aufständischen, besetzten. Die Festung Kishi wurde unter schweren Beschuss genommen, wonach über zweitausend Aufständische verletzt bzw. getötet wurden. So wurde der Karelische Aufstand grausam niedergeschlagen. Die Führer des Karelischen Volkes, K.A. Sobolew, A. Salnikow und S. Kostin, sowie weitere über 100 Kämpfer wurden bestialisch gefoltert und getötet: Mit glühenden Eisen wurden sie gebrandmarkt, lebendigen Leibes verbrannt oder gevierteilt. Die übrigen Karelischen Aufständischen wurden gemeinsam mit ihren Familien zur ewigen Verbannung nach Sibirien, in die berüchtigten Bleibergwerke von Nertschinsk am Baikal, geschickt. Und dennoch hat der Aufstand von Kishi dem Karelischen Volke auch Positives gebracht: In Karelien wurde jedwede Fron für immer abgeschafft und die Steuern gesenkt. Das wirkte sich positiv auf die weitere Entwicklung des Karelischen Volkes und die Wirtschaft Kareliens aus.

Gegenwärtig stellt das Karelische Volk den weitaus größeren Anteil der Einwohnerschaft Kareliens. Gleichzeitig haben sich in einigen schwer zugänglichen Regionen im Norden und Nordwesten Kareliens einige karelo-finnische Minderheiten erhalten, die sich dank ihrer historisch isolierten Lebensbedingungen die relative Reinheit ihrer karelo-finnischen Sprache erhalten haben. Im Süden Kareliens gibt es gegenwärtig zudem noch ein separates Gebiet der Wepsen, deren Zentrum die Gemeinde Scheltozero bildet. Hier leben Vertreter der Wepsischen Minderheit ziemlich kompakt beieinander. Alle diese Völkerschaften haben sich noch im vergangenen Jahrhundert freiweg im Onegadialekt verständigt. Gegenwärtig sprechen ihre Nachfahren eher Russisch miteinander, wobei die absolute Mehrheit von ihnen bereits für immer ihr Verlangen verloren hat, sich ihrer Nationalsprache zu bedienen.

Im Ergebnis der Sozialistischen Revolution im Russischen Reich, die im Oktober des Jahres 1917 stattfand, wurde im Zeitraum vom November 1917 bis März 1918 die Sowjetmacht ebenfalls in Karelien errichtet. Am 08. Juni 1920 wurde die Karelische Arbeitskommune gegründet, die am 25. Juli 1923 in die Karelische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (Karelische ASSR) im Verband der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik umgewandelt wurde. Zu derselben Zeit wurde auf dem Gebiet des östlichen Kareliens (am Weißen Meer) am 21. Juni 1918 die unabhängige Republik Uchta mit ihrer Hauptstadt Uchta (heute die Stadt Kalevala) ausgerufen. Allerdings hatte diese nur kurzen Bestand, denn bereits im Jahre 1922 wurde die Republik Uchta von den Bolschewiken zerschlagen.

In den Jahren der Sowjetmacht wurde in der Karelischen ASSR die Energetik entwickelt. Das Wasserkraftwerk Kondopoga und weitere 15 kleinere Kraftwerke wurden gebaut, die Forstwirtschaft, die holzverarbeitende, sowie die Papier- und Zelluloseindustrie wurden umgestaltet, andere bestehende Industriezweige wurden rekonstruiert. Am 31. März 1940 bekam die Karelische ASSR den Status der sechzehnten Unionsrepublik und wurde in Karelo-Finnische Sozialistische Sowjetrepublik (Karelo-Finnische SSR) umbenannt. Zugleich wurde das Gebiet der Karelo-Finnischen SSR durch neue Regionen erweitert, die nach dem Finnischen Winterkrieg 1939-1940 zur UdSSR hinzukamen. Die Karelo-Finnische SSR bekam finnische Gemeinden und Industriebetriebe hinzu, so Mainila, Lembolovo (finn. Lempaala), die Gemeinden Kerro, Termolovo, Kallelovo und andere. Auf diese Weise erlangte Karelien das erste Mal in seiner Geschichte Staatlichkeit im Verband der UdSSR und wurde ein juristisch vollberechtigtes Subjekt des internationalen Rechts.

Allerdings versuchte die Sowjetmacht gleichzeitig, das historische Andenken und die nationale Eigenständigkeit des Karelischen Volkes aktiv zu schmälern. Mit diesem Ziel hatte die Sowjetmacht ab 1920 damit begonnen, unter dem Vorwand der kommunistischen “Aufklärung” und Erhaltung der nationalen Minderheiten der Karelen, Wepsen und Saamen, die sich in den abgeschiedenen und schwer zugänglichen Orten Kareliens erhalten hatten und ein rückständiges Leben führten, eine zielgerichtete Politik dahingehend zu führen, dass sie das Karelische Volk künstlich in einzelne Sprachgruppen zersplitterte. Es entstanden die “russische”, “karelo-finnische”, “wepsische” und “saamische” Nationalität in Karelien. Diese Politik hielt über 60 Jahre lang an. Dabei wurde die Karjala – der Onegadialekt – gezwungenermaßen durch die Russische Sprache ersetzt, und das Schrifttum wurde auf dem russischen Alphabet aufgebaut. Bis da hin hatte das Karelische Volk eine eigene, auf dem Runen-Alphabet aufbauende Schriftsprache, und in der Folge lehnte diese an das lateinische Alphabet an. Zudem sollte das Karelische Volk jetzt neben dem Russischen eine weitere Sprache erlernen, die fast nirgends gesprochen wurde: Karelo-Finnisch, Wepsisch oder Saamisch. Diese Sprachen wurden ausschließlich von wenigen nationalen Minderheiten der jeweiligen Stämme gesprochen, die abgeschieden von der Hauptmasse des Karelischen Volkes lebten.

Ungeachtet dieser antikarelischen Politik gelang es der Sowjetmacht nicht, das Karelische Volk künstlich in separate Gruppen zu zersplittern. Bereits gegen Ende der 1970-er Jahre vermischten sich über 70% aller frischgebackenen Vertreter der Karelischen “Nationalität” gleichmäßig miteinander. Das machte auch um die nationalen Minderheiten der Karelen, Wepsen oder Saamen keinen Bogen. Dabei fand eine aktive Vermischung der diversen Karelischen “Nationalitäten” ausschließlich auf dem Boden Kareliens statt und weitete sich nicht auf die analogen “Nationalitäten” jenseits der nationalen Grenzen aus. Somit erlebte das Karelische Volk in der zweiten Hälfte des ХХ. Jahrhunderts ungeachtet der von der Sowjetmacht unternommenen Anstrengungen zu seiner formalen Verdrängung eine erneute Renaissance, womit es wiederum sein natürliches Recht auf seine historische Existenz überzeugend bewiesen hat.

Während des Großen Vaterländischen Krieges – dem Zweiten Weltkrieg – waren 2/3 des Gebietes der Karelischen Republik, auf das 83% der Industrieproduktion entfielen, von finnischen Truppen besetzt. Jedoch bereits Ende 1944 war Karelien vollständig durch die Sowjetarmee befreit worden. Dabei war, im Unterschied zu den meisten anderen europäischen Regionen der UdSSR, die in den Jahren des Krieges von deutschen Truppen besetzt waren, das industrielle und landwirtschaftliche Potential der Karelischen SSR nicht vollständig zerstört worden. Und gerade deshalb begann in den Nachkriegsjahren in der Karelischen ASSR eine stürmische Bautätigkeit im Bereich Wohnungsbau. Desgleichen entwickelten sich der Maschinenbau, die Energetik, Metallurgie und die chemische Industrie. Dieser Boom hielt bis Mitte der 1980-er Jahre an. Allerdings wurde am 16. Juli 1956 auf willkürliche Anordnung des – mit Verlaub – halbgebildeten Generalsekretärs des ZK der KPdSU Nikita Chruschtschow der staatliche Status der Karelo-Finnischen SSR im Verband der UdSSR auf den Status einer Autonomen Sozialistischen der Sowjetrepublik im Verband der RSFSR herabgesetzt. Das war ein immenser moralischer und materieller Schaden für das Karelische Volk, denn von diesem Zeitpunkt an und bis zum Ende der 1980-er blieb die Karelische ASSR eine unterentwickelte Provinz der RSFSR, die von staatlichen Zuschüssen leben musste. Ihrer weiteren wirtschaftlichen Entwicklung waren Bremsklötze in den Weg gelegt worden. Der wirtschaftliche Aufschwung der Karelischen SSR wurde Ende der 1980-er Jahre noch mehr zurückgedrängt, als in der UdSSR radikale politische und wirtschaftliche Reformen fröhliche Urstände feierten.

Aus diesen Gründen verabschiedete nach dem Zerfall der UdSSR am 09. August des Jahres 1990 der Oberste Sowjet der Karelischen ASSR als erste von allen sowjetischen Autonomien die Deklaration über die staatliche Souveränität der Karelischen ASSR. Allerdings waren bald hernach die meisten Volksvertreter im Obersten Sowjet der Karelischen SSR durch die physische Gewalt, die von Seiten der Mitarbeiter des Komitees für die Staatliche Sicherheit der UdSSR (dem „KGB“) drohte, eingeschüchtert. Sie bangten um ihr Leben und fassten eine andere Entscheidung: Am 04. Juli 1991 erklärte sich der Oberste Sowjet der Karelischen SSR damit einverstanden, den Vertrag über die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten mit zu zeichnen, und am 13. November 1991 verabschiedete der Oberste Sowjet der KASSR den Beschluss, die Karelische ASSR in Republik Karelien im Bestand der Russischen Föderation umzubenennen, obwohl der Karelischen ASSR vom 24. Mai 1991 bis 21. Mai 1992 ihr vorheriger Status als Karelische Sozialistische Sowjetrepublik zurückgegeben worden war und die Karelische SSR somit ein volles Recht auf staatliche Selbstbestimmung hatte. Dennoch unterzeichnete die Delegation der Republik Karelien am 31. März 1992 den Föderationsvertrag, demzufolge die Republik Karelien lediglich den Status eines “selbständigen Staates” im Bestand der Russischen Föderation erhielt. Hernach bestätigte der Oberste Sowjet der Republik Karelien am 28. November 1992 die neue Fassung des Artikels eins der Verfassung der Republik Karelien, die den Status der Republik Karelien als “souveräner Staat im Bestand der Russischen Föderation festschreibt, der vollständige staatliche Autorität auf seinem Territorium genießt, mit Ausnahme jener Kompetenzen, die entsprechend dem Föderationsvertrag den föderalen Organen der Staatsmacht der Russischen Föderation vorbehalten sind”.

Somit ist die Republik Karelien gegenwärtig ein “vollberechtigtes” völkerrechtliches Subjekt im Bestand der Russischen Föderation. Die Republik Karelien hat eine eigene Verfassung und eigene Gesetzgebung, die vollkommen mit der Verfassung und der Gesetzgebung der Russischen Föderation konform gehen. Nach dem Föderationsvertrag verwirklicht die “Republik Karelien gemäß den Grundlagen der Gesetzgebung der Russischen Föderation in Sachen gemeinsamer Zuständigkeit eine eigene rechtliche Regelung”. Eine gesetzmäßige Folge des Föderationsvertrages war die sogenannte Scheckheft-Privatisierung, wie sie 1994 von der Regierung der Russischen Föderation zelebriert worden ist. Diese hat praktisch alle Einwohner der Republik Karelien in den Ruin gebracht. In vereinzelten Fällen haben die fiktiven Anteilsscheine, wie sie an Mitglieder von Produktionskollektiven ausgereicht worden sind, diese lediglich zu Eigentümern von bankrotten Firmen werden lassen. Mitte der 1990-er galten in der Republik Karelien 972 Betriebe und immobile Objekte als “privatisiert”, wobei 639 Unternehmen in kommunaler Rechtsträgerschaft waren, und 308 Unternehmen waren der Regierung der Republik Karelien unterstellt. Hinzu kamen insgesamt 25 Firmen, die sich im Besitz der Russischen Föderation befunden haben. Die neuen Eigentümer der absoluten Mehrheit der rentablen Firmen in Karelien sind Menschen geworden, die gar nicht mal Bewohner der Republik Karelien waren. Aus diesem Grunde war eine Privatisierung von staatlichem Eigentum der Republik Karelien in dieser Form durch deren Ausverkauf nach dem Restbuchwert von der Sache her ungesetzlich. Eine wichtige Bedingung bei der Herausbildung des Immobilienmarktes war die Veräußerung von Grundstücken an privatisierte Betriebe. Allerdings wurden diese Grundstücke von nur 34 der privatisierten Betriebe erworben. Das sind weniger als 4% aller privatisierten Betriebe. Die sogenannten Erwerber der übrigen privatisierten Betriebe dachten gar nicht daran, den Grund und Boden der Betriebe zu übernehmen, weil diese Unternehmen eher ausgeraubt worden sind und schließlich vor dem Ruin standen. Von allen privatisierten Betrieben und Immobilienobjekten sind nur Objekte der Kleinprivatisierung in Privateigentum gewechselt und haben real weiter gearbeitet und Einnahmen erwirtschaftet. Das waren Betriebe des Handels, der Gastronomie und der hauswirtschaftlichen Dienstleistungen, die zuvor in Rechtsträgerschaft der Kommunen der Republik Karelien waren. Die Privatisierung von mittleren und Großbetrieben in der Republik Karelien verlief vorzugsweise über die Emission von Aktien. Die Aktien-Kontrollpakete dieser Betriebe haben diverse kriminelle Gruppierungen in gesetzwidriger Art und Weise an sich gebracht, in der Hauptsache solche aus Moskau oder Sankt Petersburg. Sie kauften die Aktien für einen Apfel und ein Ei bei den Arbeitskollektiven der Betriebe auf. Im Endeffekt bekam der Staatshaushalt der Republik Karelien aus der Privatisierung von kommunalem und staatlichem Eigentum in der Summe lediglich 37,3 Millionen Rubel. Dieser lächerliche Betrag macht nicht mal 0,1% des wirklichen Marktwertes aller Betriebe aus, die zwischen 1992 und 1997 in der Republik Karelien privatisiert worden sind.

Somit wurde das Karelische Volk im Ergebnis dieser kriminellen “Privatisierung” um mehr als 1,3 Mrd. USD beraubt. Deshalb hat diese vermaledeite “Privatisierung” nicht nur die ohnehin schwache postsowjetische ökonomische Basis der Republik Karelien zerstört, sondern auch einem massenhaften Betrug und Amtsmissbrauch seitens der Staatsdiener im Bereich der Immobilienwirtschaft Vorschub geleistet. Ein Beweis für die äußerste Ineffektivität der stattgehabten “Privatisierung” ist auch die Tatsache, dass die Privatisierung von Betrieben in der Republik Karelien keine solche Schicht an effektiven Eigentümern hervorgebracht hat, wie sie in jedem beliebigen modernen Staat als soziale Basis für eine Marktwirtschaft notwendig ist. Außerdem gibt es in der Republik Karelien bis in die heutige Zeit eine faktische Aufspaltung der rechtlichen Regelungen zu den Grundstücken und den sich darauf befindlichen Gebäuden, wodurch sich unterschiedliche Regeln zu deren Erfassung und Veräußerung ergeben, was in jedem zivilisierten Land nicht mit einer erfolgreichen wirtschaftliche Entwicklung vereinbar ist.

In der heutigen Republik Karelien gibt es insgesamt 13 Städte, 11 Gemeinden und etwas mehr als 600 ländlicher Ansiedlungen. Die durchschnittliche Besiedlungsdichte in der Republik Karelien liegt bei weniger als 4 Menschen pro Quadratkilometer. Das ist um einiges weniger als es im europäischen Teil der Russischen Föderation diesbezüglich der Fall ist. Somit ist das Karelische Volk heute ein Volk, das zwar relativ gering an der Zahl ist, aber das nichtsdestoweniger über kolossale Naturreichtümer verfügt. Gemäß Artikel 6 der Verfassung der Republik Karelien sind “der Grund und Boden und die in ihm lagernden Bodenschätze, sowie die Flora und Fauna Eigentum des Volkes der Republik Karelien und Grundlage für dessen wirtschaftliche Souveränität”. Das besagt, dass der Grund und Boden, die Bodenschätze, sowie Flora und Fauna Kareliens de jure dem gesamten Karelischen Volk gehören, de facto jedoch gehört dem Karelischen Volk praktisch nichts.

Die Republik Karelien erstreckt sich auf 180,5 Tausend Quadratkilometern. Die größte Ausdehnung der Republik Karelien von Nord nach Süd sind 660 Kilometer, von West nach Ost 421 Kilometer. Im Westen grenzt die Republik Karelien an die Republik Finnland, im Süden an die Oblaste Leningrad und Wologda, im Osten an die Oblast Archangelsk, und im Norden an die Oblast Murmansk der Russischen Föderation, wobei die Republik Karelien geographisch die Oblast Murmansk von der übrigen Landmasse der Russischen Föderation trennt und sie in eine Art Halbexklave verwandelt, weil Karelien im Nordosten an die Gestade des Weißen Meeres grenzt. Von der Hauptstadt der Republik Karelien, Petrosawodsk, sind es 925 Kilometer bis Moskau, der Hauptstadt der Russischen Föderation, und bis zur Hauptstadt der Republik Finnland, Helsinki, sind es 703 Kilometer. Aus diesem Grunde ist die Republik Karelien rein geographisch näher an der Europäischen Union dran, als an der Russischen Föderation. Zudem ist die Republik Karelien offizielles Mitglied der Euro-Arktis bzw. Barentsregion und gehört zur Versammlung der Regionen Europas. Somit hat die Republik Karelien eine sehr günstige geopolitische Lage im Raum Nordosteuropa, auf der Wirtschaftsgrenze zwischen Nord- und Osteuropa, und verbindet die Staaten der Europäischen Union mit der Russischen Föderation und den GUS-Staaten. Diese Lage ist ein Unterpfand für eine erfolgreiche Entwicklung der außenwirtschaftlichen Verbindungen. Ungeachtet dessen aber kann gegenwärtig von einer erfolgreichen Entwicklung der außenwirtschaftlichen Beziehungen der Republik Karelien keine Rede sein.

Die Republik Karelien ist in der Taiga-Vegetationszone gelegen. Sie besteht aus einer weitläufigen Tiefebene mit über 60.000 Seen und 27.000 Flüssen. Etwa 25% des Territoriums der Republik Karelien ist mit Süßwasser bedeckt. Mehr als die Hälfte der Landmasse der Republik Karelien sind von dichten Wäldern bestanden. Der Gesamtvorrat an Holz in den Wäldern aller Kategorien beläuft sich auf über 800 Mio. cbm und nimmt über 5 % der Fläche des europäischen Teils der Russischen Föderation ein. Ein besonderes Charakteristikum der Karelischen Wälder besteht darin, dass wertvolle Nadelhölzer zu etwa 90% überwiegen. Solch kolossale Reichtümer, das Verhältnis von Festland zu Süßwasserreservoirs in Relation zur Einwohnerzahl – das gibt es in keinem anderen Land der Welt. Deshalb ist das Karelische Volk auch eines der reichsten Völker auf dem Erdenrund. Das Gesamtvolumen der über- und unterirdischen Süßwasservorkommen in der Republik Karelien liegt über 145 Kubikkilometer, nicht gerechnet die 908 Kubikkilometer des Ladogasees, die 291 Kubikkilometer des Onegasees und die 66 Kubikkilometer an Wassermenge in den karelischen Flüssen. Das sind in der Tat kolossale Reichtümer an Wasser, eingedenk dessen, dass gegenwärtig aus den Karelischen Flüssen 43 %, aus den Seen Kareliens 29 %, aus dem Onegasee 15%, und aus dem Ladogasee 10% der gesamten Menge an Süßwasser bezogen werden kann, die für die Wirtschaft benötigt werden, und das, ohne Schaden an der Umwelt anzurichten. Außerdem gibt es in der Republik Karelien ebenfalls einzigartige eisen-, radon-, chlor- und natriumhaltige Mineralquellen, die als Heil- oder Tafelwasser abgefüllt werden und in Sanatorien und Heilbädern zur Anwendung kommen, wie z.B. in dem renommierten Sanatorium «Marcialnye Vody», das vom Russischen Zaren Peter dem Großen 1719 gegründet worden ist.

Die Republik Karelien wird im Nordosten von den Wassern des Weißen Meeres umspült. Und deshalb erstreckt die Republik Karelien gemäß der UNO-Übereinkommen über das Küstenmeer und die Anschlusszone aus dem Jahre 1958, aber auch in Übereinstimmung mit der Genfer Seerechtskonvention aus dem Jahre 1982 ihre Souveränität auf die territorialen Gewässer im Weißen Meer in einer Breite von 12 Meilen, sowie auf sämtliche Bodenschätze, die sich im Kontinentalshelf befinden. Die Territorialgewässer der Republik Karelien enthalten diverse Ressourcen des Meeres, und das Kontinentalshelf birgt große Reserven an Erdöl, Erdgas und anderen Bodenschätzen.

Das Territorium der Republik Karelien ist auch an anderen Bodenschätzen reich. Gegenwärtig gibt es in der Republik Karelien 643 Stellen, an denen Bodenschätze abgebaut werden, darunter 211 Vorkommen von Titan, Vanadium, Molybdän, Gold und Diamanten, sowie 432 Mineralquellen. Außerdem gibt es in der Republik Karelien reiche Torfvorkommen, Eisenerzlagerstätten, Pegmatit- und Kaliglimmervorkommen, sowie Steinbrüche für Blend- und Mauersteine Nach dem Umfang der Vorkommen an Bodenschätzen nimmt die Republik Karelien den ersten Platz unter allen Regionen des nördlichen Wirtschaftsbezirkes der Russischen Föderation ein. Außerdem hat die Republik Karelien umfangreiche Brennstoff- und Energieressourcen, sowie Ressourcen an Energie von Sonne, Wind und Wasser. Die potentiellen Wasserenergieressourcen liegen bei 13,5 Mrd. kWh an Elektroenergie. Sonne und Wind können in großem Umfang in den südlichen Regionen Republik Karelien akkumuliert werden.

Auf dem Gebiet der Republik Karelien sind mehr als 50 der unterschiedlichsten geologischen Denkmäler eingetragen. Die Republik Karelien besitzt eine reichhaltige Flora und Fauna, aber auch ausgedehnte Erholungsgebiete, wo es Erholungs-, Kur- und Tourismuseinrichtungen gibt. Zu den natürlichen Ressourcen gehören u.a. 17 Arten von wildwachsenden Beeren, 25 Arten von Tee- und Honigpflanzen, 30 Arten von Salat- und Gemüsepflanzen, 300 Arten von Heilpflanzen, 20.000 Arten von Insekten, 63.000 Arten von Säugetieren, 5.200 Arten von Amphibien, 5.000 Arten von Reptilien, 270 Vogelarten und 60 Arten von Süßwasserfischen. Des Weiteren gibt es 4 ausgeprägte Erholungsgebiete, 2 Nationalparks, 3 staatliche Landschaftsschutzgebiete, 92 Naturschutzgebiete und 81 Naturdenkmale. Die spartanische und zugleich majestätische Schönheit der nordischen Natur in der Republik Karelien hat zu verschiedenen Zeiten Künstler, Schriftsteller, Dichter und Komponisten aus den verschiedensten europäischen Ländern inspiriert und ist in den Werken Tschaikowskis, Puschkins, Levitans, Kuindschis, Wasiliews, Rerichs und vieler anderer Künstler verewigt.

Heute entfallen auf jeden Einwohner der Republik Karelien 600 Tonnen der verschiedensten Bodenschätze, 1.150 Kubikmeter wertvoller Holzarten und etwa 2.500.000 Kubikmeter Süßwasser. Diese kolossalen Naturreichtümer gehören dem gesamten Karelischen Volk und sollten auch nur in dessen Interessen verwendet werden. Würden heute die Erlöse, die beim Verkauf allein der Bodenschätze erzielt werden, die auf dem Gebiet der Republik Karelien abgebaut werden, zu gleichen Teilen, das heißt, gerecht unter dem gesamten Karelischen Volke aufgeteilt werden, so hätte ein jeder Angehörige des Karelischen Volkes, unabhängig von dessen sozialem Status, jedes Jahr ein Einkommen von etwa 65 Tausend Euro, die Steuern und Abgaben für ein solches Einkommen bereits abgezogen. Aus diesem Grund kann das Karelische Volk mit Fug und Recht behaupten, eines der reichsten Völker in Europa zu sein. Allerdings sieht die Wirklichkeit leider etwas anders aus. Das Karelische Volk ist heute eines der ärmsten Nationen in der Welt auf dem Hinterhof der europäischen Zivilisation.

Somit sind die Karelen von heute also direkte Nachfahren des alten Karelischen Volkes, wie es sich im IX-XVIII Jahrhundert in Karelien im Ergebnis der historischen Verschmelzung russischer Übersiedler mit den Ishora-Slawen, den Volksstämmen der Karelen, Wepsen, Saamen, sowie von und mit Finnen und Schweden herausgebildet hat. Dabei ist die Karelische Sprache, der Onegadialekt, von der Sache her nicht als einer der Dialekte des Russischen anzusehen, sondern als separate ostslawische Sprache, die bis vor historisch kurzer Zeit die absolute Mehrheit des Karelischen Volkes beherrscht und gesprochen hat. Der Onegadialekt ist eine einzigartige Nationalsprache, die keinerlei Ähnlichkeiten mit den heute existierenden russischen Dialekten hat, wie sie von den Bewohnern anderer Regionen der Russischen Föderation gepflegt werden. Der größte Teil der Lexik des Onegadialekts besteht aus Wörtern und Wendungen, die Entlehnungen aus dem Altrussischen, dem Ishorischen, dem Karelischen, Finnischen, Saamischen und Wepsischen bilden und die in ihrer Mehrzahl für die Bewohner anderer Regionen der Russischen Föderation, die sich der modernen Russischen Sprache bedienen, unverständlich sind. Und mehr noch, einige charakteristische Mit- und Selbstlaute des Onegadialekts können überhaupt nicht hinreichend mit den auf der Kyrilliza basierenden Buchstaben des Russischen Alphabets dargestellt werden. Besser und bequemer für die graphische Realisierung des Onegadialekts ist das historische Runen-Alphabet. Das Karelische Volk, wie auch die Skandinavischen und Germanischen Volksstämme im nördlichen Europa haben seit tiefsten Urzeiten Runen in ihrem Alltagsleben, wie auch in ihren religiösen Riten verwendet. Das Runenalphabet hat sich bei den einzelnen Vertretern des Karelischen Volkes im IX.-X. Jahrhundert entwickelt und besteht seither fort. Die alte Runenschrift, wie sie vom Karelischen Volke verwendet worden ist, stellt ein System aus Piktogrammen dar, das Kräfte und Erscheinungen der Natur wiedergibt. Sie wurden in Stein gehauen, in Holz geschnitzt oder in Metall geritzt und dienten als Symbole für einen wirksamen Schutz gegen Höhere Mächte, sowie zur Hilfe in den verschiedensten Lebenslagen. In Karelien, wie auch in den meisten anderen Ländern Nordeuropas, war die Germanische Variante des Runenalphabets – das sogenannte «FUThARK» (nach seinen ersten sechs Buchstaben F, U, Th, A, R und K) – am weitesten verbreitet. Dieses Runenalphabet ist in drei Gruppen zu je acht Buchstaben geteilt, und zwar die Runen der Freya, des Hagalaz und des Tyr, und dazu eine leere Rune, die ODIN-Rune. Auf diese Weise umfasst die Karelische Abart des «FUThARK» 25 Runen, von denen jede ihren eigenen Namen und ihr eigenes Symbol hat, und nur ihr werden jeweils bestimmte übernatürliche Eigenschaften zugeschrieben. Runen finden Verwendung als Talismane, Amulette und als Medium in der Magie, für Deutungen. Das Befragen der Runen ist eine der Haupttraditionen des Karelischen Volkes geworden. Im Altertum beherrschten vorwiegend Heerführer und Völvas (altnordischer Begriff für eine Seherin, Wahrsagerin, Hexe, Zauberin, Prophetin oder Schamanin) die Kunst des Deutens der Runen.

Eine weitere Bestätigung dafür, dass sich das Karelische Volk seiner besonderen nationalen Identität bewusst ist, das ist die Verbundenheit aller Angehörigen des Karelischen Volkes mit ihrem Karelien und mit dem Karelischen Lande, denn ungeachtet der äußerst ungünstigen sozialen und wirtschaftlichen Folgen, die der Zerfall der UdSSR für das Karelische Volk hatte, sind aus der Republik Karelien in den zurückliegenden 15 Jahren nicht einmal 1.500 Bürger in andere Regionen der Russischen Föderation oder gar in andere Länder übergesiedelt. Hinzu kommt, dass ein großer Teil dieser Menschen gar nicht mal Karelischer Nationalität ist. Im Zeitraum 1994-2009 haben von ihrer Nationalität her lediglich Juden, Armenier und Aserbaidshaner das Land Karelien verlassen. Zur selben Zeit haben es Vertreter der belorussischen und ukrainischen Bevölkerungsminderheiten vorgezogen, in Karelien zu bleiben. Und mehr noch: Heute sind über 2/3 aller Familien in der Republik Karelien Mischfamilien, die sich mit dem Karelischen Volke identifizieren.

Es sollte hervorgehoben werden, dass das Karelische Volk sich hinreichend deutlich von allen anderen Völkern der Russischen Föderation, insbesondere vom russischen Volke, durch seine besondere nationale Mentalität unterscheidet. Schon immer waren solche Eigenschaften dem Karelischen Volk wesenseigen, wie rationales Denken, Respekt gegenüber der Natur, Liebe zur Arbeit und zur Freiheit, die ein Unterpfand war für die Freiheit des Karelischen Volkes selbst von allen Formen der Knechtschaft und von ideologischer Bevormundung, und das während der gesamten Zeit seiner historischen Existenz. Eben aus diesem Grunde leben sich gegenwärtig die Vertreter der verschiedensten nationalen Gruppen sowie von allen Religionen der Welt in der Republik Karelien friedlich ein, obwohl sich über 2/3 des Karelischen Volkes zu den Atheisten bzw. Agnostikern zählen. Jedenfalls war das Karelische Volk während seiner gesamten Geschichte – im Unterschied zu den orthodoxen, islamischen bzw. jüdischen Bevölkerungsteilen der Russischen Föderation – niemals ein vom Klerus geführtes Volk. Dank seinem Vermögen, rationell zu denken, und dank seiner Toleranz gegenüber jedweder Religion, hat das Karelische Volk immer seine Unabhängigkeit wahren können, war frei von Knechtschaft oder Leibeigenschaft, kannte keinerlei “Entkulakisierung”, und auch Kirchen sind in den Jahren der Sowjetmacht nicht abgerissen worden. Und auch gegenwärtig kennt es keine lawinenartige Hinwendung zur Religion. Deshalb hält das Karelische Volk in seiner Mehrheit auch heute jede beliebige Religion eher für einen historischen Anachronismus, der geschaffen worden ist, um die Freiheit des Menschen zu unterwerfen und zu unterdrücken, als für eine Weltanschauung, die geschaffen wurde, um die Menschheit aufzuklären. Die Freiheit ist im kollektiven Bewusstsein des Karelischen Volkes ein so sehr geheiligter Imperativ, dass diese erfolgreich jedweder Religion den Rang abläuft. Freiheit ist für das Karelische Volk nicht nur die die Unantastbarkeit der Person und die Möglichkeit, frei zu denken, sondern auch die entschiedene Ablehnung jedweder Form von Totalitarismus und religiöser Ignoranz. Namentlich aus diesem Grunde waren dem Karelischen Volk seit Alters her und in seiner gesamten Geschichte humanistische Aufklärung, die Gleichberechtigung der Geschlechter und unvoreingenommener wissenschaftlicher Blick auf die Umwelt zutiefst zu eigen.

Überzeugende Beweise für die besondere historische Entwicklung des Karelischen Volkes sind die wissenschaftlichen Arbeiten von Karelischen Historikern, Kultur- und Geisteswissenschaftlern, Philosophen, Schriftstellern und Dichtern, wie Agapitow V.А., Pulkin B.I., Balagurow Ja.I., Syukiyaynen I.I., Bardin E.S., Shurawljow А.P., Bubrich D.V., Stepanow А.Ja., Linewskij А.М., Linnik Ju.V., Bacera М.I., Starostina T.V., Suni L.V., Takala I.R., Hurmevaara А.G., Kostin I.А., Spiwak D.L. und viele andere mehr.

Gegenwärtig zählt das Karelische Volk 664.000 Einwohner, von denen sich etwa 518.000 bzw. 78% im arbeitsfähigen Alter sind. Jünger als dreißig Jahre sind 385.000 Einwohner bzw. 58% des Karelischen Volkes. Man kann also sagen, dass das Karelische Volk jung und kraftvoll ist. Und deshalb hat das Karelische Volk eine aussichtsreiche Zukunft! Wie sich diese Zukunft für unser Karelisches Volk gestalten wird, liegt in unseren Händen!